SZ 27.06.05

Vollblutmusiker fetzen mit Jazz und Swing ab

Dritte Auflage der langen Jazznacht im Theater am Ring

Gut, dass es Chöre wie United Voices gibt, die mit innovativen Köpfen wie Ruth und Dietmar Strauß Veranstaltungen ins Theater am Ring Saarlouis zaubern, die Ohrenweiden und musikalische Oasen sind.
Saarlouis.
Jazz am Ring, die dritte Auflage der langen Jazznacht war angesagt und die „Vereinigten Stimmen“ hatten sich Gäste geladen, die den Jazzfan streckenweise zum Schwärmen bringen konnten!
Das Publikum: Vorwiegend Fans des Gastgeberchores, in allen Altersgruppen. Wie immer dabei: Der grandiose Matthias Ernst am Piano, Jörg Jenner, Bass, und Martin Lösing an den Drums. Gemeinsam mit der amerikanischen Sängerin Susan Dowaliby, Wahlsaarbrückerin, ein eingespieltes Team! Ein Chor, der weder Noten noch Textvorlagen braucht und von Besame Mucho über New York Afternoon und Spice of Life tadellose Jazzvocals unter einem höchst motivierten Dietmar Strauss abgibt. Susan Dowaliby singt mit Eva Flieger, Tausendsassa-Mädchen der neuen Stars am Jazz-Funk-Himmel „Funkintension“, die später auch noch Tenorsaxophon in der Landes-Schüler-Bigband spielt. Sie selbst wagt sich an Raritäten von Bossanova-Übervater Antonio Carlos Brasileiro de Almeida „Jobim“ ran.
Und dann Funkintension im zweiten Teil: Begnadete blutjunge Musiker fetzen ab, dass einem Hören und Sehen vergeht. Wo Jazz seine Finger drin hat, ist immer absolute Professionalität am Instrument am Werk, ist Kreativität und Passion unabdinglich. 21-jährige Vollblutmusiker: David Andres, Bass, Andi Klein, Drums, Matthias Flieger an der Trompete – so was hört man sonst nur von Daniel Schmitz im Kreis oder, sublimiert und auf CD gebrannt, von Ikone Wynton Marsalis!
Eva Fliegers Stimme variiert überzeugend zwischen Funk und Jazz, dann: ein begnadeter Christian Papst am Piano. Da lebt der Jazz, der bei Funkintension seit 2002 eben nach Funk riecht. Ob Fusion, den Chick Corea – er kreierte den jazz fusion – mit
in den Jazz pflanzte, oder die Eigenkomposition „Nighttrain to Mombasa“ – das sind zukünftige Stars am Jazz und Funkhimmel!
Was im dritten Teil auf die Bretter kommt, das hört man sonst nur von der Alfred Lauer Big Band, das ist Swing – sind die 30er Jahre, ist Amerika. Die Landesschüler-Bigband, der Jazztrain, rollt wie eine Lawine heran.
Endlich mal von vorne zusehen: ein gut gelaunter, scherzender Matthias Ernst als motivierender Bigband-Leader. Die Andrew Sisters heißen am Abend „Swing Schwestern“ – Susan Dowaliby, Eva Flieger und eine bezaubernde Isabelle Litz. Zu hören: Der jiddische Ohrwurm „Bei mir biste scheen“ und Klassiker, die vor Jahren Nathalie Cole wieder in die Ohren brachte wie „Almost like being in love“. Saxophonsolo für Hannah Rabe: Harlem Nocturne von Earle Hagen. Das ist einfach ein tolles Feature! Die absoluten Profitänzer Alwin Kell und Evi Fuchs bringen zusätzlich Wirbelwind auf die Bühne!
Die Ausstellung des Adolf Bender Zentrums mit Jazz Train, „Swing im dritten Reich“ im Foyer des Theaters am Ring – sehr gut recherchiert mit Plakaten und Zeitzeugen über „entartete Musik“, Repressalien und Verfolgungen findet leider zu wenig Beachtung. Aber großes Lob: Kommentar von Lore Baltes, 76 Jahre aus Neunkirchen: „So wars wirklich: „Neschamusikk“ wurde der Swing beschimpft. Und wir waren verrückt danach!“